Januar 2021

Begegnung der dritten Art

Begegnung der dritten Art

TOP: Talente hat in seiner Satzung festgeschrieben, sich mit gesellschaftlichen Problemen zu befassen, „die sich aus der Perspektive eines christlichen Menschenbildes“ ergeben. Gemeint ist dies als Hinweis auf die ethische Selbstverpflichtung unserer Arbeit. Wir fühlen uns damit verbunden mit den Werten eines vertieften und veredelten Humanismus, dessen Gestalt durch die Aufklärung konkreter und präziser geworden ist. Diese Werte sind Im Grundgesetz festgeschrieben und in Artikel 1 des Grundgesetzes allgemein verbindlich ausgedrückt: „Die Würde des Menschen ist unantastbar“.

Wir sehen uns dementsprechend nicht als Kreis von Katholiken und Protestanten, sondern als werteorientierten, unabhängigen und gemeinnützigen Verein. Die Mitgliedschaft bei TOP: Talente steht ganz klar auch Menschen anderer Glaubensrichtungen und Nicht-Gläubigen offen.

Mit Goethe vom Turm aus betrachtet, zum Sehen geboren und Schauen bestellt, blickt man auf eine Welt von gegenseitigen Vorurteilen. Die einen sehen im Verweis auf das „christliche Menschenbild“ eine aus ihrer Sicht nicht akzeptable Prämisse, gepaart mit Verboten und weiteren Einschränkungen der persönlichen Freiheit. Für die andere Seite stehen sie deshalb unter dem Verdacht, sich nicht „richtig“ zu verhalten und gegebenenfalls ethisch gebotene Grenzen zu überschreiten.

Bei dem Stichwort „Ökumene“ haben die meisten Menschen das Verhältnis zwischen den christlichen Kirchen im Blick. Mit dem Erfurter Theologen Eberhard Tiefensee nenne ich diese die erste: die zwischen den verschiedenen Dialekten des Christentums. Die zweite: ist die zwischen den Religionen, die dritte: die Ökumene zwischen religiösen und den nicht religiösen, also den Agnostikern und den Atheisten.

Diese Gefährtenschaft auf den Wegen zur „Ökumene dritter Art“ ist nicht leicht, weil sie verlangt, andere und fremde Wege wertzuschätzen, sie also nicht nur zu tolerieren, sondern sie fraglos zu schätzen. Und hier sage ich es lieber mit geliehener Stimme als mit der eigenen: „Wir müssen sie tolerieren, also erdulden, also erleiden. In dem tolerare, wovon Toleranz sich abgeleitet ist, steckt der Schmerz darüber, nicht einzigartig zu sein, der Schmerz darüber, ein endliches Wesen zu sein, auch als Kirche; der Schmerz darüber, dass andere uns nicht brauchen und dass andere auf anderen Wegen glücklich werden, ethisch leben und ihr Heil finden. Gott ist unendlich, wir nicht, auch das Christentum nicht. Das zu respektieren ist Toleranz, ohne die es keine Humanität gibt. Toleranz heißt lassen und nicht im Stich lassen. Vielleicht werden die Wege der Fremden klarer an der Deutlichkeit unseres Weges. Vielleicht werden unsere Wege klarer, wenn wir ihre Wege kreuzen.“ Fulbert Steffensky „Fragmente der Hoffnung“ (2019)

Es gibt genügend Stoff und Themen. Und damit bin ich bei uns, den Autorinnen und Autoren, deren vornehme Aufgabe darin besteht, Zusammenhänge aufzuzeigen. Sie können das auf einfachste und dennoch anspruchsvolle Art tun, in dem sie Geschichten erzählen, wie gläubige, andersgläubige und ungläubige Menschen miteinander leben.

Im Zusammenhang wäre noch so Vieles zu sagen, ich will es an dieser Stelle mit dem Hinweis auf zwei Bücher von Philosophen tun, die gegenwärtig viel Beachtung finden. Zum einen auf Jürgen Habermas „Auch eine Geschichte der Philosophie“ (2019). Habermas bezeichnet sich im Anschluss an das bekannte Wort des Soziologen Max Weber, er sei religiös unmusikalisch“. Überraschend spricht Peter Sloterdijk neuerdings von sich in Umkehrung dazu „religiös musikalisch“ zu sein, in seinem neuesten Buch „Den Himmel zum Sprechen bringen“ (2020).  

Öffnet ein Fenster zum Versenden der E-MailAMD

Archiv