November 2018

Toleranz, genauer: Ambiguitätstoleranz ist gefragt

Toleranz, genauer: Ambiguitätstoleranz ist gefragt

TOP: Talente hat am 9. Oktober 2018 in Frankfurt Sankt Georgen ein Themenforum „Christentum und Islam“ (C&I) veranstaltet. Dabei wurde für die Diskussion ein Handout erstellt, das unter https://hinsehen.net nachgelesen werden kann. Es gibt ja inzwischen eine nicht mehr überschaubare Literatur zu dem Thema. Weil sich das Verhältnis von „Religion und Politik“, besonders im Islam, kaum trennen lässt, wurde auch ein gleichnamiges Magazin mit Forschungsergebnissen aus dem Exzellenzcluster der Westfälischen Universität Münster verteilt und kann auch angefordert werden.

https://www.uni-muenster.de/imperia/md/content/religion_und_politik/download/religion_und_politik_das_magazin.pdf

Dort wird u. a. Thomas Bauer, Professor für Islamwissenschaft und Arabistik, von einer Journalistenkollegin scherzhaft als „Künstler unter unseren Professoren“ mit seiner Forderung nach „Ambiguitätstoleranz“ vorgestellt. Damit gemeint ist die „Fähigkeit, Mehrdeutigkeiten auszuhalten, einander widerstreitende Werte und Wahrheiten nebeneinander stehen zu lassen, ohne auf die Geltung der eigenen Überzeugung zu pochen.“ Dieses erweiterte Verständnis von Toleranz ist gefordert, wenn man mit jungen, gebildeten Muslimen ins Gespräch kommen will, „die einen dritten Weg suchen zwischen einem starr-konservativen und einem aufgesetzt-liberalen Islam, der mit allen Traditionen brechen will.“

Gibt man sich nicht mit der Begriffsbestimmung von „Ambiguitätstoleranz“ zufrieden und will mehr wissen, was der Hinweis auf den Künstler sollte, entdeckt man ein Phänomen für Erklärungen von Zusammenhängen verschiedener Lebensbereiche, der Natur und der Kultur, das für kreative Menschen hilfreich sein kann. Thomas Bauer hat seine Gedanken in dem lesenswerten Reclam-Büchlein unter dem Titel „Die Vereindeutigung der Welt – Über den Verlust an Mehrdeutigkeit und Vielfalt“ dargestellt. Bei der Lektüre wird klar, in der Natur zeigt sich der Rückgang der Ambiguität im Verlust der Artenvielfalt von Tieren und Pflanzen. In der Kultur führt das vor allem zu einem Verlust an Vielfalt. Kunst und Musik befinden sich einerseits auf der Suche nach dem Eindeutigen und müssen sich andererseits gegen die Bedeutungslosigkeit wehren. Das führt zu einem „Authentizitätswahn“, nicht nur in der Kunst mit Kapriolen und Kuriositäten, sondern auch in der Gesellschaft und der Politik.

Bleiben wir beim Ausgangpunkt, den Religionen. Das führt nach Bauer zu einer interessanten Beobachtung: „Überall dort nämlich, wo Religion zur politischen Identitätsbildung beiträgt, bleibt sie stark.“ Man beobachte nur die Vorgänge in der Türkei: „Diese Entwicklung geht über die Religionsgrenzen hinweg und betrifft auch das Christentum … ebenso wie den irrtümlich als Friedensreligion betrachteten Buddhismus, wie man an den Pogromen an Tamilen in Sri Lanka und an muslimischen Rohingya in Birna/Myanmur sehen kann.“ Ambiguitätsintolerante Ideologien führten das 20. Jahrhundert zum blutigsten der Weltgeschichte und wirken im 21. Jahrhundert weiter:

„Es lässt sich damit allgemein feststellen: Wenn Ambiguitätstoleranz schwindet, dann verliert die Religion ihre Mitte, also den durch Zweifel domestizierten Glauben an etwas Transzendentes im Bewusstsein, dass Glauben kein sicheres Wissen vermittelt. Und dann verliert Religion auch die Gewissheit, dass religiöse Texte interpretiert werden müssen, um Antworten zu finden, die aber immer nur Wahrscheinlichkeit und vorübergehende Gültigkeit für sich beanspruchen können, nie jedoch absolute Wahrheit.“

Eine relativ hohe Ambiguitätstoleranz bildet eine unabdingbare Voraussetzung zunächst einmal für das Gedeihen von Religion selbst, wichtig im Zusammenhang ist sie auch für die kreative Arbeit von Autoren und Autorinnen sowie  die damit verbundene Voraussetzung für den interreligiösen Dialog, aus zwei Gründen:

„Der erste Grund beruht auf der Notwendigkeit, Transzendenz als solche zu akzeptieren. … Wie sehr sich auch die klügsten Theologen und Religionsgelehrten bemühen, das Transzendente in Begriffe zu fassen, bleibt doch immer ein Rest an Vagheit, Unbestimmtheit und Mehrdeutigkeit, also an Ambiguität.“

„Der zweite Aspekt besteht … in der Tatsache, dass Religion zuerst und vor allem Kommunikation ist. Zunächst konstituiert sich Religion in der Kommunikation zwischen Menschen. Zu dieser sozusagen horizontalen Dimension kommt in Offenbarungsreligionen noch eine vertikale Dimension hinzu. In diesen Religionen geht man davon aus, dass das Göttliche, das eigentlich ganz Andere, sich dem Menschen mitteilt, also mit ihm kommuniziert.

Diese Kommunikation findet nicht immer und überall statt, sondern in bestimmten historischen Kontexten, wo sie dann ihren Niederschlag in schriftlicher Form findet. … die heiligen Schriften wie Tora, Evangelium, Koran … Alle diese Texte weisen eben jenes Merkmal auf, das allen komplexen Texten eigen ist. Ambiguität.“

Dem steht eine gegenteilige Auffassung entgegen: „Heutige Korankommentatoren glauben jedoch meist, und zwar unabhängig davon, ob sie sich dem fundamentalistischen oder dem liberalen Lager zurechnen, dass Gott nicht anders als eindeutig sprechen und jeder Vers somit nur eine einzige Bedeutung haben kann.“

Nach Bauer war das nicht immer so: „Klassische Islamgelehrte waren stolz darauf, zu vielen Koranversen mehrere Auslegungen zu kennen, ohne sich auf eine von diesen festlegen zu müssen. Sie rechneten durchaus mit der Möglichkeit, dass auch mehrere richtig sein können. Fanden sie selbst eine eigene, neue Deutung, wollten sie durch diese nur die bisherigen Deutungen ergänzen, nicht ersetzen.“

Wir erschrecken heute über Berichte von drakonischen Maßnahmen: „Wenn Taliban, al-Qa’ida und IS heute solche Hinrichtungen geradezu zu ihrem Markenzeichen machen, ist das kein ‚Zurück ins Mittelalter‘, sondern umgekehrt die Neuerfindung einer modernen, totalitären Islamideologie.“

Mit den Worten des Kunsthistorikers Hans Sedlmayer ist das Ergebnis kurz zusammengefasst: „das Resultat eines drastischen Verlustes an Ambiguitätstoleranz.“

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