Laudatio auf Michael Baier, Autor der ARD-Serie "Um Himmels Willen"

von Weihbischof Robert Brahm, Trier

Meine sehr geehrten Damen und Herren, Sehr geehrter Herr Baier,

um es gleich zu Beginn zu sagen, in der nächsten Staffel von „Um Himmels Willen", an der Sie hoffentlich schon arbeiten, möchte ich die Rolle von meinem „Fernsehmitbruder" im bischöflichen Amt übernehmen. Ich würde genau wie Bischof Rossbauer im schönen München residieren. Ich würde mich, wie er, stets im bischöflichen Ornat gekleidet, von meinem Fahrer von München ins Kloster Kaltental in der Limousine mit Standarte chauffie-ren lassen, so, als wäre ich der Doyen des diplomatischen Corps . Während der Fahrt würde ich darüber spekulieren, ob Schwester Agnes wieder einmal diese wunderbaren Kekse gebacken hat, die ich eigentlich vom ärztlichen Standpunkt aus gesehen, gar nicht essen dürfte. Und dann würde ich an der Seite von Schwester Hanna für den Erhalt des Klosters und die Belange der kleinen aber feinen Schwesternkommunität mannhaft kämpfen. Ich würde die Mutter Oberin erst dann mit ehrwürdige Mutter ansprechen und solange beharrlich Frau Reuter nennen, bis jede Seilschaft, die sie zum Schaden des Klosters mit Bürgermeister Wöller ausheckt, aufgedeckt wäre. Ich würde darauf achten, dass der „Klostergeist" nicht zum besten Freund von Schwester Felicitas würde und ich würde dafür sorgen, dass Schwester Agnes anstatt buddhistische Entspannungsübungen auszuprobieren, sich eher auf das Heil­wissen einer Hildegard von Bingen verlässt. Und Schwester Hildegard würde ich aufgrund ihrer schriftstellerischen Fähigkeiten ermutigen, eine Fernsehserie über arbeitslose Drehbuch­autoren zu schreiben und ihren aussichtslosen Kampf mit allmächtigen Redakteuren und Ignoranten Senderfunktionären.

Vielleicht würde Ihnen das, verehrter Herr Baier oder verehrter Herr Struve, dann doch entschieden zu weit gehen und Sie würden meine Bewerbung für die Rolle des Bischofs Rossbauer zurückstellen und sie weiter von Horst Sachtleben spielen lassen.

Ich hätte möglicherweise Verständnis dafür und würde mich nolens volens von der Fiktion verabschieden und wieder der Realität zuwenden. Einer Realität, in der ein ausgeprägter Pluralismus weltanschaulicher Orientierung besteht, verbunden mit einer Schwächung von Glaubensfestigkeit, Kirchenbindung und früher unbefragter Glaubenspraxis. Einer Realität, in der jeder Geistliche und Seelsorger die Balance zwischen dem Bedienen von notwendigen Strukturen und der noch notwendigeren konkreten Seelsorge halten muss. Ich spreche von einer Realität, in der Gemeinden zusammengelegt werden, weil immer weniger Geistliche immer mehr Aufgaben erledigen sollen. Ich spreche von den großen und kleinen Sorgen der Menschen, mit denen sie sich anvertrauen möchten. Von den gelingenden Stücken im Eeben eines jeden Menschen und von den nicht durchgehaltenen Hoffnungen. Ich spreche vom Glück und Leid der Menschen. Von Tragödien und Unaussprechlichem. Ich spreche von der Realität unseres Daseins, das ein Gegenüber und einen Ort sucht und hoffentlich findet. Ich spreche von Gott, und ich spreche von der Kirche, die dieser Ort für die Menschen sein sollte.  

Meine Damen und Herren, Sie haben es sicherlich längst gemerkt, indem ich die Realität -meine Realität - bemühe, nähere ich mich hier und da auch der Fiktion, die uns Michael Baier als Realität von Kaltental glauben machen will. Michael Baier spielt in dieser Serie damit, die Realität als Fiktion erscheinen zu lassen und der dem Genre Fernsehserie geschuldeten Fiktion soviel Realität mitzugeben, wie nur irgendwie solchen Formaten zuträglich ist. Ich vermute einmal, dass das, was Ihnen, verehrte Damen und Herrn, als Fernsehprofis längst als Gemeinplatz gilt, letztlich doch das Geheimnis von blendender Unterhaltung in diesem wankelmütigen Fernsehgeschäft ist. In diesem heiteren und zugleich so tiefsinnigen Spiel in und um das Kloster Kaltental, das Sie wunderbaren Schauspielern auf den Leib und uns Zuschauern ins Herz geschrieben haben, verweben Sie das Leben derjenigen, die guten Willens sind, mit dem Leben derjenigen, denen jedes Mittel recht ist, um ihr Ziel zu erreichen.

Ihre Kunst besteht darin, Personen und Charaktere so genau zu zeichnen, dass jeder von uns sich darin ein Stück wiederfinden kann. Sei es in Bürgermeisters Wöllers nach Liebe und Anerkennung suchender Sekretärin, Frau Laban, sei es im nach jedem finanziellen Strohhalm greifenden Bauunternehmer Huber, in den Ambitionen vom Polizisten Anton Meier oder eben bei den Schwestern. Dabei stellen Sie Ihre Charaktere nicht aus, geben sie nie der Lächerlich­keit preis, sondern stellen sich als deren Autor und Erfinder schützend und zugleich augen­zwinkernd vor sie.

Sie sind, verehrter Herr Baier, ein sehr genauer Beobachter und Menschenfreund und können so jede Eigenart, jede Verrücktheit, jeden Manierismus aus der jeweiligen charakterlichen Grundannahme, die sie sich für die Handelnden in Kaltental erdacht haben, entwickeln.

Dass Ihre Figuren dabei von einem nahezu kongenialen Schauspielerensemble zum Leben erweckt werden, ist das Sahnehäuptchen auf einem ohnehin reichlich verzierten Kuchen, den Sie uns auch in dieser Woche zum 96. Mal sehr verträglich angeboten haben. Bei Günther Jauch haben wir über viele Jahre hinweg gelernt, dass der Publikumsjoker selten irrt. 7,3 Mil­lionen Zuschauer an jedem Dienstagabend können keinesfalls irren.

„Um Himmels Willen" ist die erfolgreichste Serie seit Jahren in der ARD. Mit ihrer Quote toppen die Ordensfrauen sogar die unverwüstlichen Human -und Tiermediziner, die sonst auf diesem Sendeplatz in der Regel ihre Praxen aufschließen. Natürlich ist jeder Erfolg eine Gemeinschaftsleistung von vielen vor und hinter der Kamera, aber dennoch hängt er entschei­dend am Drehbuchautor. Er ist das Herz, der Motor, der Antreiber, Verführer und Richter zugleich -seiner Geschichte. Wie stark die Geschichte und die sie zusammenhängenden Erzählstränge sind, wurde spätestens auch den eingefleischtesten Fans klar, als die Protago­nistin der ersten Staffeln, Schwester Lotte, alias Jutta Speidel, sich neuen Herausforderungen stellte. Für viele schien mit dieser Entscheidung das wahre Ende von Kloster Kaltental gekommen zu sein. Schwester Lotte ging, und es kam Schwester Hanna, gespielt von Janina Hartwig. Spätestens jetzt zeigte sich für Zuschauer und Profis gleichermaßen, dass ein gutes Drehbuch, eine gute Story, die Grundlage für dauerhaften Erfolg sein kann.

Offensichtlich scheint es ja so zu sein, dass Kirche und insbesondere die katholische und ihr Personal sich blendend für Film und Fernsehen eignen. Dabei hat sich das Bild der Film- und Fernsehgeistlichen über die Jahre stark verändert. Weniger Institution, dafür Kirche in ganz normalen Alltagssituationen. Waren bis in die 60er Jahre das Priester- und Pfarrerbild noch schwer mit Bedeutung, nahezu mit Metaphysik und schweren existentiellen Gewissens­konflikten beladen, entwickelte sich schon bald des Image des christlichen Spaßvogels von Bruder Tuck in den „Robin Hood"-Filmen über die „Spaghetti-Western"-Stars Terence Hill und Bud Spencer in die „Missionare" bis hin zur Klosterfrau mit Vergangenheit in „Sister-Act". Aber auch im Krimi-Genre waren und sind meine „Fernsehmitbrüder" erfolgreich: „Pater Brown", „Der Name der Rose" und vor gut 15 Jahren „Schwarz greift ein", produziert für SAT l. Damals kamen das Serienkonzept und ein Teil des Produktionsbudgets von der Kirche selbst.

Heute überlassen wir das weitgehend Könnern wie Ihnen, verehrter Herr Baier, und fahren damit sehr gut. Und das in einer Zeit, in der eine wachsende Anzahl von Menschen sich dem, was Glaube, Kirche und Christentum bedeutet, zunehmend entfremdet, oder - um es noch zugespitzter zu sagen - nur noch rudimentär kirchlich sozialisiert ist. Wenn Kirche in Fernsehenserien vorkommt, zielen die Geschichten weniger auf die transzendente Seite, sondern Kirche wird als lebensrelevant gezeigt. Der Glaube wird „anfassbar", Zuwendung und Orientierungshilfe im Diesseits. Antwort geben auf konkrete Lebensprobleme. All das leisten Fernsehgeistliche, all das leisten Schwester Hanna und ihr Team. Und dass der Gott der Schwester Hanna und im Übrigen der Christinnen und Christen ein personaler Gott ist, lernen die Zuschauer wie nebenbei. In größter Not spricht sie zu ihm, unterhält sich mit ihm, wie es der legendäre Don Camillo immer getan hat, wenn sein Kampf gegen und mit Bürgermeister Peppone ausweglos erschien.

Natürlich ist der Faktor der mitgelieferten Sympathiewerbung, der vermeintliche Image­gewinn für die Kirche, nicht zu unterschätzen. Dafür kann jeder Katholik, jeder Geistliche, jeder Bischof (besonders vor dem Hintergrund der letzten Wochen!) nur dankbar sein. Darüber freue auch ich mich.

Doch bleiben wir realistisch, der Erfolg der fiktiven Nonnen von Kaltental wird nur dann auch für die reale Kirche zum echten Imagegewinn, wenn reale Menschen auf ein kirchliches Personal treffen, das sich vielleicht nicht immer den unorthodoxen Lösungen und Methoden von Schwester Hanna bedienen kann, aber im besten Fall eine ähnliche Haltung und Liebe den Menschen entgegenbringt.

Lieber Herr Baier, Sie zeigen das Bild einer liebenswerten Kirche. Einer Kirche, die ihren Sitz im Leben hat. Eine Kirche mit Schwächen, weil in ihr Menschen arbeiten, und eine Kirche mit großen Stärken, weil in ihr überwiegend Menschen arbeiten, die sich getragen wissen, von dem, was über sie hinausweist. In diesem Sinne darf dann auch für die Schwestern von Kaltental und jeden von uns gelten, was Anthony Quinn im Film „In den Schuhen des Fischers" tröstend erkannte, als er als fiktiver Papst Kirill I. an sich und den Anforderungen seines Amtes zweifelte: „Egal welche Irrtümer ich begehe, die Kirche wird's überleben".

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