Symposium in Rom 2007

"Schuld, Strafe und Vergebung - essenzielle Begriffe heutiger Dramaturgie?"

Bericht von Anna Kehl in der Funkkorrespondenz

Teilnehmer im Päpstlichen Filmsaal

"Auf diesem weißen Sessel hat sich schon Papst Johannes Paul II. Previews angeschaut." Mit diesen Worten begrüßte Erzbischof John Patrick Foley, Präsident des Päpstlichen Medienrates, 45 Medienschaffende aus Deutschland. Gemeint ist der Sessel im Filmsaal Palazzo San Carlo, dem Sitz des Päpstlichen Medienrates. Autoren, Regisseure, Produzenten und Redakteure kamen Mitte vergangenen Monats an drei Tagen im März in den Vatikan, um über das Thema "Die Sünde in Film und Fernsehen" zu diskutieren. Konzipiert und organisiert hatte die Veranstaltung "TOPTalente", ein in München ansässiger Förderverein für Autoren und Producer, in Zusammenarbeit mit der Katholischen Fernseharbeit (Frankfurt/Main). Rede und Antwort zu vier vorgestellten Filmen standen Regisseur Max Färberböck (Drehbuchautor und Regisseur von "Jenseits"), Susanne Freyer (Produzentin von "Mutterglück"), Aelrun Goette (Produzentin von "Unter dem Eis") und BRRedakteurin Cornelia Ackers (Betreuerin bei "Wer früher stirbt, ist länger tot"). An einer Podiumsdiskussion unter dem Titel "Was erwarten wir von TV-Movies?" nahmen der Autor und Produzent Fred Breinersdorfer, die Produzenten Dieter Ulrich Aselmann (d.i.e.film GmbH) und Gerwin Dahm (ndF) sowie ZDF-Redakteur Daniel Blum teil.
Einen ersten Versuch, Sünde in Film und Fernsehen zu definieren, machte Reinhold Zwick, Professor für Biblische Theologie an der Universität Münster: "Wenn Sünde im Film dargestellt wird, dann geht es meistens um Sexualität wie etwa von Anita Ekberg in 'Dolce Vita' verkörpert." Film könne Sünde und Schuld als nachahmenswert darstellen wie in der Produktion "Natural Born Killers", wo das Killerpärchen nach dem Motto "Ich töte, also bin ich" agiert. Diese Umsetzung sei nicht im Sinne der Bibel. "Sünden sollten nicht als nachahmenswert, sondern als "Verfehlung des Menschen mit Chance auf Umkehr, Einsicht und Vergebung begriffen und entsprechend inszeniert werden", zitierte Zwick Papst Pius II. und zeigte Filmausschnitte aus "Blast of Silence".

Teilnehmer im Vatikanauf dem Weg zum Tagungsort und in einer Pause auf dem Campo Santo

In Zeiten des Mangels an Relevanz

Heftig diskutiert wurde, ob es in "Jenseits" (ZDF/Arte) um Schuld und Vergebung, die egoistische Selbstverteidigung des "Mörders" oder um Kontrollverlust geht, wie Autor und Regisseur Max Färberböck vorbrachte. Im morgendlichen Berufsverkehr stoßen bei einem Unfall ein Richter, im Mercedes, und ein Junge, auf dem Fahrrad, zusammen. Der Junge stirbt. Der Richter begeht Fahrerflucht, er vertuscht den Unfall, verstrickt sich, versucht, das Leiden der Mutter des Jungen durch seine Zuneigung zu ihr aufzufangen. Vor Gericht hält er ein feuriges Plädoyer für das Recht auf ein neues Leben für Täter und Angehörige des Opfers. Am Ende vergibt ihm die Mutter. Für Färberböck, der zeigen wollte, wie der Protagonist mit seinem Kontrollverlust, mir der tiefen Erschütterung, mit seiner Suche nach Verständnis umgeht, sind beide, der Richter und die Mutter des Jungen, durch das Unglück emotional gebunden, sie "erkennen ihre Seelenverwandtschaft".
Eine Stecknadel hätte man im Collegio fallen hören, als der Kriminalpsychologe und Fallanalytiker Stephan Harbort aus Düsseldorf über Tätermotive und -profile von Serienkillern und deren Umgang mit der Schuld referierte, Interviews von Serienkillern über Tathergang und Schuldempfinden inklusive (vom Band eingespielt). In hohem konzeptionellem Spannungsbogen folgte ein Vortrag des Abtprimas des Benediktiner-Ordens Rom, Notker Wolf, der in der christlich-theologischen Sicht der "Vergebung" die Loslösung aus der Verkettung der Vergangenheit sieht und damit die Möglichkeit zu Befreiung und Aussöhnung.


  

 

 

Dr. Anton Magnus Dorn im Gespräch mit der Filmemacherin Alerun Goette; Uli Fischer (rechts) im Gespräch mit Prof. Dr. Johannes Ehrat von der Päpstlichen Universität Gregoriana.
Fotos: Beate Nelken

Das Spannungsfeld zwischen Kunst und Kommerz sowie das Arbeitsverhältnis zwischen Autoren, Regisseuren, Redakteuren und Produzenten kamen bei der abschließenden Podiumsdiskussion mit dem Titel "Profunde Stoffe, relevante Aussagen, der Diskurs über Werte - was erwarten wir von TV-Movies?" zur Sprache. Autoren beklagten sich dabei über ihren Status: unterbezahlt, unbekannt, ungenannt. Eine "Viele- Köche-verderben-den-Brei-Mentalität" verwässere zunehmend Themen. Redakteure und Produzenten stellten dem die Produktionskosten in Millionenhöhe entgegen, wie sie etwa beim ZDF-"Fernsehfilm der Woche" (montags) oder dem "Film- Mittwoch im Ersten" investiert würden. Als die Frage nach "relevanten Stoffen" gestellt wurde, gestand BR-Redakteurin Cornelia Ackers, dass sie sich auf dem Mittwochsendeplatz der ARD mit der 80:20-Regelung abgefunden habe: 20 Prozent relevante Stoffe, 80 Prozent "Begleitprogramm zum Knabbergebäck". In Zeiten des Mangels an Relevanz, so ein Vertreter der privaten Sender, "tue es gut, dass die Frage nach den Grundwerten unseres gesellschaftlichen Miteinanders" gestellt werde statt sich mit "alltäglichem Sex, Geld und Ruhm im Fernsehen" abzufinden. Der Spiritus rector der Veranstaltungsreihe, Anton Magnus Dorn, freute sich über diesen Einwurf. Nach Beginn im letzten Jahr zum Thema "Das Böse im Film" (vgl. FK 17/06) hatte er 2007 bereits eine Warteliste. Fortsetzung folgt.


7.4.07 - Anna Kehl/FK