Wie das Fernsehen Autoren vernichtet

Hier soll der Artikel von Markus Stromiedel vom 15. Oktober 2008 in der F.A.Z. zur Diskussion gestellt werden. Sie können den Wortlaut unter folgender Adresse nachlesen: http://www.faz.net/s/Rub475F682E3FC24868A8A5276D4FB916D7/Doc~E7F3034F9C7A54AD983B07ECBE270CEE9~ATpl~Ecommon~Scontent.html


Der kanalisierte Glaube

Kirche und Religion im Fernsehzeitalter. Chancen und Grenzen

TV-Serien um Pfarrer, Nonnen und Mönche bieten neue Möglichkeiten der Darstellung kirchlicher Lebenswelten. Die Serien kommen zugleich oft unerfüllten und übersehenen Erwartungen und Bedürfnissen in Sachen Kirche und Religion entgegen, indem sie Glaubensthemen in eine lebensnahe Sprache übersetzen und sie auf unterhaltsame Weise attraktiv und „anfassbar“ werden lassen. Angesichts dieser Leistung der Serien lohnt es, sie zu studieren, weil sich aus ihren Inszenierungen des Religiösen manches lernen lässt:
1. eine Bild- und Symbolkompetenz, die Symbole nicht einseitig für katechetische Anliegen verzweckt;
2. die Anknüpfung an die konkrete Lebensgeschichte des Menschen;
3. die unmittelbare Ansprache durch Witz, Humor und Unterhaltung;
4. die emotional-affektive Beteiligung des Zuschauers durch Präsentation von Vorbildern und Identifikationsfiguren;
5. die Personalisierung von Werten und Normen.

Ein Comeback von Religion im Fernsehen?

Die Abgrenzungen zwischen Fernsehen und Religion lassen sich noch weiter fassen:
1. Im Fernsehen lebt Religion nicht als Religion weiter, sie erhebt nicht mehr grundsätzliche Geltungsansprüche für eine transzendenzbezogene Lebenspraxis.
2. Fernsehen als Medium der bewegten Bilder ermöglicht für die Dauer einer Sendung das Eintauchen in eine andere Welt. Die traditionelle Religionskultur dagegen zielt auf Lebensorientierung über die Dauer des Moments hinaus – im Blick auf eine letzte Instanz.
3. Das Fernsehen ist bezogen auf die Alltagswelt, aber es sucht nicht das Alltägliche im Alltag, es will den Alltag überhöhen. Religion im christlichen Sinn bezieht das Alltägliche auf eine personal verstandene Transzendenz. Letztere überschreitet die Alltagswelt als solche. Das Fernsehen erzeugt eine „Transzendenz“, die lediglich außeralltägliche Erfahrung vermittelt. Es fehlt so auch der Sinn für spirituelle Transzendenz.
4. Fernsehen ist monologische Wahrnehmung, es ist ein Produkt, dargeboten zur Beobachtung von Aktionen anderer. Es verpflichtet zu nichts. Religion bedeutet Wahrnehmung als Verpflichtung zur Tat, zu konkreter Aktion mit ethischen Konsequenzen.
5. Fernsehen ist kontingente, inszenierte Wirklichkeit. Religion ist bestimmt von ritualisierter Wirklichkeit.

Zwölf Thesen

Das Medium als Evangelium? Herausforderungen des „Medienreligiösen“
Mit der Präsenz von Kirche in den Medien sind Herausforderungen für die Kirche verbunden. Am Schnittpunkt von Kirche, Öffentlichkeit und Fernsehen zeigen sich notwendige Konsequenzen und Aufgaben:
1. Die frühen Christen gaben ihren Glauben vorwiegend im direkten Zeugnis von Mensch zu Mensch weiter. Diese direkte, persönliche Verkündigung ist unersetzbar. Aber die Kirche muss heute Abschied nehmen von der Vorstellung, als würde das Gotteswort heute ausschließlich dadurch weitergegeben, dass es von kirchlichen Amtsträgern und Glaubenszeugen verkündet wird. Neben der herkömmlichen Form der Verbreitung des Gotteswortes muss Verkündigung auch in und durch die Medien stattfinden.
2. Die meisten Menschen erleben die Welt nicht in der Kirche, sondern vor dem Fernseher. Wie kein anderes Medium setzt das Fernsehen Themen, verankert durch Bilder Meinungen und prägt die Realitätserfassung und bewältigung. Der lebensbestimmenden Stellung des Fernsehens kann sich die Kirche nicht entziehen. Sie ist von der Mediatisierung der Wirklichkeit unmittelbar betroffen. Die Medienwirklichkeit muss daher auch Thema der Kirche sein. Wenn für immer mehr Menschen die Erfahrung dessen, was Leben ist, heute zunehmend eine durch die Medien vermittelte Erfahrung ist, dann sollte die Verkündigung Christi Teil dieser Erfahrung sein. Es muss also nach Möglichkeiten einer medialen Verwirklichung der Verkündigung gesucht werden – nicht zuletzt deshalb, um diejenigen Menschen zu erreichen, denen das Wort Gottes fremd geworden ist.
3. Je mehr in der modernen Gesellschaft die Medien nicht nur Realität abbilden, sondern auch Sinnangebote machen, muss eine Kirche, die für die Menschen da sein will, in den Medien präsent sein. Angesichts der steigenden Zahl medialer Sinnstiftungsangebote, Sinn- und Lebensdeutungen gilt es, religiöse Sinnangebote auch in den Medien so zu platzieren, dass dabei der besondere Gehalt der christlichen Botschaft erkennbar bleibt. Gerade dort, wo sich das Uneingelöstsein des Sinns aufdrängt, dort wo große Transzendenzerfahrungen auftreten, kann sich die Kirche als der Ort religiöser Deutungskultur anbieten. Dafür sind die zentralen Inhalte des christlichen Glaubens in eine den Bedingungen der Mediengesellschaft gemäße Form zu bringen. Zu erwarten ist an dieser Stelle, dass die Substanz kirchlich-medialer Verkündigung auf lange Sicht über die Zukunft von Kirche entscheiden wird.
4. Inhalte allein reichen heute oft nicht mehr aus, um sich auf dem Markt der Sinnanbieter durchzusetzen. Die christliche Botschaft muss auch beworben und vermarktet werden. Kirche muss sich zum ansprechenden Ort für Sinndeutungen gestalten. Dabei sollte jedoch das Wie nicht über das Was triumphieren. Es genügt nicht, dass man einfach nur besser „ankommen“ möchte, indem man alles fernsehgerecht und attraktiv „stylt“ und Showelemente vom Medium gnadenlos abkupfert. Die Frage nach den Inhalten sollte über dem Bemühen um Selbstdarstellung stehen. Kirche muss mehr tun als reine Imagewerbung, sie muss ihre eigene Identität pointiert realisieren und ihre Inhalte mediengerecht in das Fernsehen hineingeben – und zwar so, dass sie sowohl an der nicht-kirchlichen Öffentlichkeit teilnimmt als auch in Sendungen präsent ist, die nicht unmittelbar kirchlich verantwortet sind.
5. Die Inhalte der christlichen Botschaften sind an dieser Stelle nicht zu trennen von den Formen ihrer Vermittlung. Für das Fernsehen heißt dies, dass die christliche Botschaft auch im Gewand der Unterhaltung zu vermitteln ist. Die Vermittlungskategorie der Unterhaltung kann dabei durchaus positive Impulse für Pastoraltheologie, Religionspädagogik und Katechese geben. Sie kann vor allem als Möglichkeit gesehen werden, christlichen Inhalten eine Sprache und Ausdrucksform zu geben, die auch im außerkirchlichen Raum verständlich ist. Es zeigen sich aber auch Grenzen: Serien wie Um Himmels Willen werden zu Zwecken der Unterhaltung und nicht mit Verkündigungsabsichten ausgestrahlt. Die Einschaltquote ist somit kein Gradmesser für den Verkündigungserfolg. Dennoch kann die Kirche grundsätzlich von der Vermittlung von Religion im Fernsehen lernen. Sie kann so neue mediale Wege der Vermittlung des Evangeliums und neue Ausdrucksformen und Erlebnismöglichkeiten des Glaubens entwickeln. Das setzt eine beratende Zusammenarbeit zwischen Medien-, Fernseh- und Kirchenleuten voraus. Auch berufliche Fachausbildung und Erfahrung müssen gegeben sein. Professionelle christliche Medienarbeit sollte grundsätzlich mehr Platz in der Ausbildung von Theologen und kirchlichen Mitarbeitern erhalten.
6. Fernsehserien über Engel (Ein Hauch von Himmel, Vox), Mönche (Der kleine Mönch, ZDF) und Pfarrer (Eine himmlische Familie, Vox) zeigen: Kirche und Religion taugen durchaus zur TV-Unterhaltung. Bedenken sind jedoch dort angebracht, wo sich die TV-Unterhaltung von der religiösen Substanz verselbständigt und der religiöse Gehalt so entleert wird, dass Inhalt und Struktur nicht mehr als religiös zu bestimmen sind. Wenn man aber nicht auf den religiösen Gehalt zielt, sondern in erster Linie auf das Thema als Instrument zur Steigerung des Unterhaltungswertes, dann sind Religion und Kirche nur noch Mittel zum Zweck.
Kirche im Gewand der TV-Unterhaltung funktioniert dann nicht, wenn Unterhaltung nicht aus dem inhaltlichen Anliegen der Kirche heraus konzipiert wird. Das, was der Kirche an Glaubenskultur und Glaubenssubstanz heute immer mehr verloren geht, kann nicht durch das Fernsehen – auch nicht durch erfolgreiche Pfarrer- und Nonnenserien – „kompensiert“ werden. Inhalt und Auftrag der Kirche ist die Verkündigung der Erlösungsbotschaft Gottes zum Heil der Menschen. Diese Verkündigung ist nicht substituierbar. Wenn in Pfarrer- und Nonnenserien eine Allerweltsmoral angeboten und mit zeitkritischem Räsonnement verbunden wird, genügt dies den Ansprüchen der Unterhaltung, aber Kirche muss mehr darstellen und anbieten. Sie erschöpft sich nicht in menschenfreundlichen Appellen, sondern sie beruft sich auf das Angebot und die Kraft des Glaubens. Das einzig Unverwechselbare und Unverzichtbare, was die Kirche inmitten anderer Sinnagenturen anzubieten hat, ist die Botschaft vom Heil und von der Umkehr zu einem Leben mit Gott.
Religion kann als Thema positiv durch das Fernsehen besetzt werden. Das Fernsehen trägt hier noch viele unentdeckte Möglichkeiten in sich, die auf eine Öffnung und Anwendung warten. Dabei ist entscheidend, ob das religiöse Potenzial aus sich heraus im Medium präsent ist. Es genügt nicht, Unterhaltung einfach nur religiös zu „verpacken“. Religion als Dekor mutiert zu einer anderen Gestalt: Sie wird entkernt, aus Lebens- und Transzendenzzusammenhängen herausgelöst und für Unterhaltungszwecke instrumentalisiert. Dann amüsieren wir uns tatsächlich auch in Sachen Religion zu Tode und unterstellen alles dem Unterhaltungsprimat.
Für den Umgang mit und die Präsenz in der Medienwelt heißt das: Kirche darf das unterscheidend Christliche nicht aufgeben. So sind Pfarrer- und Nonnenserien daran zu messen, inwieweit es gelungen ist, das spezifisch Christliche darzustellen und nicht nur das allgemeine Ethos oder eine vom Zuschauer akzeptierte Zivilreligion. Es reicht nicht, wenn in Pfarrer- und Nonnenserien Kirche und Glaubensaussagen lediglich als interessantes, reizvolles Spielmaterial ausgeschlachtet werden. Kirche kann sich einlassen auf eine rein innerweltliche Medienkultur. Aber dies sollte im Zeichen der eschatologischen Sendung der Kirche geschehen. Kirche macht durch ihre eigene Existenz Gottes Heil sakramental gegenwärtig. Diese übernatürliche Aufgabe der Kirche kann ihr von niemanden abgenommen werden. Aber Kirche kann gerade aus dieser Sendung heraus die Medienkultur davor bewahren, seelenlos und flüchtig zu werden, verloren an eine Vergesslichkeit, die alle Hoffnung untergräbt.
7. Kirche will und braucht mediale Öffentlichkeit. Dieses Sich-Einlassen auf die mediale Öffentlichkeit entspricht Auftrag und Inhalt der Heilsbotschaft. Sobald der Weg in die Öffentlichkeit aber bloßer Selbstzweck wird und Quoten und Sponsoren die Herrschaft über Inhalte antreten, wird er sinnlos. Eine medienkompetente Kirche, wie sie heute von vielen gefordert wird, muss ihre Methoden für die Vermittlung der Botschaft ständig überprüfen. Grundsätzlich kann dies nicht das eigentliche Ziel kirchlicher Arbeit sein, ist aber unverzichtbar in einer Zeit, in der es immer mehr Medienmenschen gibt, die immer weniger über die Kirche und ihre Botschaft wissen.
Eine medienkompetene Kirche muss mit ihrer Botschaft an die Lebenswelt des postmodernen Menschen anknüpfen, um sie für den Glauben zu modulieren. Die Spannung zwischen der Anpassung an die Bedürfnisse einer Mediengesellschaft und der Treue zur christlichen Botschaft gilt es auszuhalten und so zu gestalten, dass die Botschaft im Medium ihre Kraft nicht verliert. Kirche will Zeugnis geben von Gott, sie ist verkündende Gemeinschaft und kann nicht anders sein. Es ist daher nur folgerichtig, wenn sie sich für ihre Verkündigung zeitgemäßer Mittel wie des Fernsehens bedient. Die grundsätzliche Möglichkeit, das Fernsehen in den Dienst des Evangeliums zu stellen, geht einher mit der Notwendigkeit, den Gesetzen des Fernsehens Rechnung zu tragen, ohne sich ihnen völlig zu assimilieren. Solche Medienkompetenz stellt sicher, dass das Evangelium nicht zum Knecht des Fernsehens wird. Das Medium muss Medium bleiben und sollte nicht zur Sache selbst werden.
8. Religion und Glaube sind dann im Fernsehen überzeugend präsent, wenn sie der Macht des Mediums widerstehen und sich seinen Gesetzen nicht einfach unterwerfen. Gefordert sind also Sendungen, die sich dem Medium nicht gefügig machen, die so erzählen, dass das Bild des Fernsehens offen wird für eine andere Wirklichkeit und zugleich bezeugt, dass mit Gott auch in diesem Leben zu rechnen ist. Verkündigung im Fernsehen muss über sich hinausweisen, muss der Wirklichkeit mehr zusprechen, als das jeweils Wirkliche aufweisen kann. Es besteht eine Spannung zwischen der Eigengesetzlichkeit des Mediums Fernsehen und der Perspektive des Evangeliums. Die Kirche muss die Differenz des Christlichen zur sogenannten „Medienreligion“ thematisieren und darf sich nicht abfinden mit den kleinen Transzendenzen des Medienreligiösen. Sie muss Einspruch dagegen erheben, dass Menschen Scheintröstungen angeboten werden, die ihnen helfen, sich mit allen Endlichkeiten des Lebens einzurichten und abzufinden. Aufgabe der Kirche ist es, eine neue Zukunft, einen neuen Lebenshorizont aufzuzeigen, der nicht allein im menschlichen Vermögen liegt, aber gerade dadurch wirklich Hoffnung verheißt.
9. Eine Kirche, die sich dem Medium nicht einfach angleicht, braucht nicht um die Veröffentlichung dessen besorgt zu sein, wofür sie inhaltlich einsteht. Kirche muss nicht um jeden Preis in das Medium Fernsehen gelangen. Wenn sie den Glauben als in sich öffentlich vorlebt und lebbar erfahrbar macht, findet sie gerade so auch öffentliches Interesse. Der Glaube lebt nicht in erster Linie von medialer Veröffentlichung, sondern von christlicher Gemeinschaft. Die Inhalte der christlichen Identität brauchen ihre Bestätigung in der Alltagswelt durch Begegnungen mit anderen, durch direkte gemeindliche Kommunikation von der Seelsorge bis zur Diakonie. Eine solche direkte menschliche Begegnung kann das Fernsehen nicht bieten.
10. Die Inkulturation des Evangeliums, die Übersetzung der biblischen Botschaft in einen anderen kulturellen Kontext ist nicht zu trennen von der kritischen Auseinandersetzung der Kirche mit dem Medium Fernsehen. In der Medienarbeit der Kirche kann es also nicht nur darum gehen, dass Kirche selbst in den Medien vorkommt. Als kritische Beobachterin der Medienwelt hat die Kirche auch Verantwortung dafür, dass Menschen, die die Medien immer intensiver nutzen, nicht in ihren Lebensäußerungen und ihrer realen Begegnungsfähigkeit eingeschränkt werden. Kirche darf nicht einfach ein Rädchen für das Programmprofil des Unterhaltungsprimats sein. Sie muss den Menschen Orientierung in der Bilderflut des Mediums geben und zugleich durch ihr Engagement Gewaltdarstellungen, der Verunglimpfung christlicher Werte und der Tendenz zum totalen Entertainment entgegentreten. So können Glaube und Kirche von der eigenen Identität aus zur Humanisierung der Medienwelt beitragen. Damit Kirche im Medienbereich eine erzieherische Rolle erfüllen kann, braucht es Menschen in der Kirche, die den Mut haben, für Wahrhaftigkeit und Freiheit in der Medienwelt einzustehen, Menschen, die kritisch fragen, ob im Medium Fernsehen Ethik und Menschenwürde gewahrt bleiben, ob hier wirklich Hilfe und Orientierung angeboten werden oder die Sehnsucht nach Sinn, Beziehung und Beachtung einfach ausgebeutet wird.
11. Viele Menschen sind heute auf der Suche nach dem tieferen Sinn ihres Lebens, nach Orientierung und Wertmaßstäben für ihr Handeln. Diese Suche kann religiös aber auch fernsehspezifisch ausgefüllt werden. Das Fernsehen wirbt an dieser Stelle mit dem Slogan: „Bei uns sitzen Sie in der ersten Reihe!“ Im Fernsehen ist der Zuschauer dabei Teil eines Publikums, das an einem Kommunikationsgeschehen nicht unmittelbar beteiligt ist und alles medial vermittelt verfolgt. Paulus, ein früher Mediennutzer des Christentums, klagt: „Ich wünschte, ich könnte jetzt bei euch sein und in anderer Weise mit euch reden“ (Gal 4,20). Die mediale Differenz und Distanz ist nicht ohne Folgen für die Verständigung, sie reicht nicht an die unmittelbare Ansprache und Begegnung heran. In dieser Situation müssten Kirche und Gemeinde eigentlich deutlich machen: Bei uns sind Sie unmittelbar beteiligt. Sie sitzen nicht passiv in der ersten Reihe. Sie nehmen als Mitfeiernde an einem großen Geheimnis teil. Gerade als eine ein Geheimnis feiernde Gemeinde gewinnt die Kirche eine eigene Orientierungskraft im Gegenüber zu medialen oder virtuellen Welten. Diese können die überkommenen Formen der christlichen Kirche nicht ersetzen.
12. Es gibt eine grundlegende Differenz zwischen dem expliziten Religionssystem der Kirche und der sogenannten „Medienreligion“. Der Konsum des vom Illusionsmedium Fernsehen in Szene gesetzten Glaubens ist nicht mit dem christlichen Glauben zu verwechseln. Religion ist nicht gleich Religion. Fernsehen, tituliert als neuzeitliche Form von Religion, bedeutet gerade nicht, dass Religion hier als genuine Religion fortlebt. Auch inhaltlich – dies hat die Analyse religiöser TV-Unterhaltung gezeigt – lässt sich im Medium nur selten genuine Religion auffinden. Dies bestätigt noch einmal die Diagnose, dass die neuzeitlichen Ersatzformen von Religion wie die „Fernsehreligion“ den allgemeinen Rückgang von Religion an sich eben nicht ausgleichen können. Wenn es um größere Transzendenzen geht, um grundlegende Schwellensituationen und Einbrüche im Alltag, dann sind nach wie vor die Symbolisierungs- und Sinnstiftungsdeutungen eines expliziten Religionssystems, also der Kirche gefordert. Die Kirche erweist sich selbst und den Menschen dann den größten Dienst, wenn sie den faktischen Anspruch des Mediums bestreitet, die Sinnstiftungsinstanz schlechthin zu sein. Kirche muss deutlich machen, dass sie etwas anbietet, was das Fernsehen eben nicht anbieten kann und was mehr ist, als wir es selbst machen können. Dieser „Mehrwert“ der Kirche bewahrt vor einer einseitigen Anpassung an die Medienwelt und übersteigt zugleich die konkret gegebene Gestalt der Kirche. In Rückbesinnung auf ihre Identität, in ihrem Wirken als Zeichen des Heilswillens Gottes kann Kirche gewiss sein, dass sie mehr sein wird, als Menschen durch ihr Tun bewirken können und das Fernsehen herstellt und abbildet.
Download des kompletten Textes als PDF

Diskutieren Sie mit! Schicken Sie uns Ihre Meinung zu den Thesen der Autorin Dr. Elisabeth Hurth






TOP:Talente e.V. - Förderverein für Autoren und Producer -
Akademiker-Centrum, Lämmerstr. 3, 80335 München
Fax: 0831-9605208, e-Mail: top-talente@gmx.de

nach oben