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Fachtagung "Sünde im Film" - Bericht 2

Sünde im Film (Film News Bayern 2/07)

In zahlreichen aktuellen Diskussionen ist eine gesellschaftliche Sehnsucht nach verbindlichen Werten und Haltungen spürbar. Zu einem Thema mit durchaus moralischer Implikation fand Mitte März in Rom eine interdisziplinäre Begegnung zwischen Autoren, Filmschaffenden, Theologen und anderen Wissenschaftlern statt. Mit "Sünde im Film: Schuld, Strafe und Vergebung - essentielle Begriffe heutiger Dramaturgie" umschrieben der Münchner Verein Top: Talente und die Katholische Fernseharbeit ihre gemeinsame Veranstaltung. Rund 50 Teilnehmer trafen sich im März im Herzen des Vatikans - im Collegio Teutonico di S. Maria in Campo, der ältesten deutschen Nationalstiftung Roms. Eine hochsymbolische, Einfluss demonstrierende Location und ein ungewöhnlicher, gleichwohl inspirierender Ort für ein Mediensymposium. Diskutiert wurde unter anderem das Konzept der "Sünde" im Kontext christlicher Glaubenserfahrung und als narratives Instrument. "Alles, was verboten ist, ist spannend für Autoren": In der Bedeutung von "Sündenfällen" aller Art für fiktionale Stoffe waren sich alle Teilnehmer einig. Aus Schuld entsteht Konflikt, was Handlungen und Beziehungen in einem Drehbuch dramatische Impulse gibt. Film, in der Frühzeit des Kinos gerne als "sündiges" Medium dargestellt, ist durch seine unterschiedlichen narrativen Ebenen und der "realistischen" Unmittelbarkeit eine vielschichtige Möglichkeit des Erzählens. In Rom standen hierzu vier Filmbeispiele auf dem Programm.

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Podiumsdiskussion (von lnks nach rechts): Uli Aselmann, Dr. Cornelia Ackers, Gerwin Dahm, Daniel Blum, Fred Breinersdorfer

Eine labyrinthische Geschichte um Kontrollverlust, Verstrickung und das Recht auf Leben nach der Sünde erzählt Max Färberböck in seinem Fernsehfilm Jenseits. Als Mechanismus, der die Balance im Leben wieder herstellen kann, wird hier Vergebung gesucht und gefunden, ebenso wie in der ndF-Produktion Mutterglück von Christian Görlitz. Dies ist jedoch nicht der Fall in dem diesjährigen Grimme Preis-Gewinner Unter dem Eis von Aelrun Goette: Für die Regisseurin waren die "Gewalttätigkeit des Schweigens" im Schuldprozess und die aktive Positionierung des Zuschauers entscheidend. Insgesamt wurde das Konzept "Schuld" auf dieser Tagung auch als Genreproblem behandelt, das - wie etwa im Kriminalfilm - gattungsimmanent gelöst werden kann. Das deutsche Fernsehspiel, darin waren sich alle Kreativen einig, bietet im Gegensatz dazu größere erzählerische Chancen. Allen Filmbeispielen gemeinsam ist eine Ambivalenz der Täter- und Opferrollen, in der Vergebung Ausdruck persönlicher Freiheit ist.

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Abtprimas Dr. Notker Wolf OSB, Dr. Anton Magnus Dorn. Fotos: Raftery

Weniger mehrdeutig ist hierbei die katholische Auffassung: Wie der Abtprimas des Benediktiner-Ordens, Notker Wolf, ausführte, spricht die kirchliche Lehre von Gnade und Erlösung als "unverdienter göttlicher Zuwendung". Gott als Autorität stehe hier der (Gewissens)freiheit des Menschen gegenüber.

Als etablierten "Motor der Kinodramaturgie" bezeichnete der Theologe Prof. Reinhold Zwick von der Universität Münster die Verfehlung in seinem Abriss zur "biblischen Theologie der Sünde und ihren Resonanzen im Film". Sünde als Entgrenzung und negative Aufladung der menschlichen Existenz, als Intention (schuldloser/schuldhafter Sündenfall), als Entfernung des Menschen vom eigenen Wesen und die universelle Sehnsucht nach ihrer Überwindung waren hier die Stichworte - all dies als dramatisches Werkzeug in der Fiktion einsetzbar.

Konkrete Beispiele aus dem Alltag eines Kriminalisten bot in diesem Zusammenhang Stephan Harbort, der sich mit den psychologischen Eigenheiten von Serienmördern beschäftigt. Die von ihm geschilderten reellen Prozesse von Schuldverschiebung, -verdrängung, -losigkeit, -unfähigkeit, -eingeständnis und -bekenntnis können für jede fiktionale Handlung relevant sein.

"Brauchen fiktionale Programme eine narrative Theorie?" fragte schließlich Johannes Ehrat, Kommunikationswissenschaftler an der Päpstlichen Universität Rom. In seiner "Ausrichtung auf ein Ende" sei das Konzept Sünde handlungsvorantreibend und verkörpere in Zusammenhang mit der Sanktion bzw. Vergebung traditionelle erzählerische Konvention, die ein Ideal konstruiert und es an menschlichen Verfehlungen kontrastiert. Dem narrativen Ideal des "perfekten" Menschen stehe es entgegen und könne je nach Verwendung für Komödie und Tragödie stilbildend werden. Zur schließlichen Rück-Annäherung an das Ideal bedarf es erzählerisch häufig "messianischer" Erlöserfiguren, wie man sie beispielsweise aus dem Mainstreamkino kenne.

Erlösung bzw. "comic relief" aus Filmbeispielen voller Kindstode und komplizierter Schuldkomplexe bot zum Schluss der Tagung Wer früher stirbt ist länger tot von Marcus H. Rosenmüller, den die verantwortliche BR-Redakteurin Cornelia Ackers vorstellte. Der Kinoerfolg lieferte den Beweis, dass "Sünde im Film" nicht nur erzählungstheoretisch, christlich-moralisch oder tiefenpsychologisch verhandelt werden kann, sondern auch - durchaus in der Kombination dieser Ansätze! - unterhaltsam und publikumsnah wirken kann.

Christina Raftery

 


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