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"Die Seele des Täters"

 

Fachtagung vom 12.01. - 14.01.2007 in Berlin
Bericht von Ingrid Kaech

Ein ungewöhnliches Unterfangen: Autoren und Filmemacher waren aufgefordert, an einer Tagung teilzunehmen, in der das Nachdenken über Gewalttäter im Mittelpunkt stand. Organisiert wurde dieses Wochenende von „TOP Talente“ (www.toptalente.org), einem Verein zur Förderung Filmschaffender, der sich ethisch am christlichen Menschenbild orientiert. Mehr als 40 namhafte Drehbuchautoren und Filmregisseure kamen zu dem Tagungsort auf die Insel Schwanenwerder in Berlin, um an dem Wissen hochrangiger Experten aus den Bereichen Theologie, Philosophie, Psychiatrie, Kriminologie, Rechtspsychologie und Rechtswissenschaften teilzuhaben. Es wurde ein großer Bogen geschlagen von der Neurobiologie über das Thema Willensfreiheit, Entstehung von Schuld und Straftaten bis zu den Fragen der Therapierbarkeit. Über die Möglichkeiten der Täter, sich im Gefängnis mit ihrer Schuld auseinanderzusetzen, wurde ebenso gesprochen wie über die seelischen Schäden, die bei Opfern von Gewalttaten zurückbleiben.

Scham ist der unterschätzteste Trieb. Mit diesem Satz packte Pfarrer Dabrowski die Zuhörer und sorgte für Nachdenklichkeit. Er machte deutlich, wie schwierig es ist, mit Tätern über Schuld zu sprechen, denn "über Schuld will niemand reden". Als äußerst engagierter Pfarrer in der JVA-Tegel, Deutschlands größtem Männerknast mit bis zu 1800 Inhaftierten, kennt er viele Ausreden, erlebt immer wieder, wie die Verantwortung für die Tat den Opfern zugewiesen wird. Es erfordert lange Zeit des Zuhörens, bis er den Gefangenen die Frage stellen kann: "Was ist dein Anteil", sagt er, und er dürfe den Moment nicht verpassen, in dem der Täter darüber sprechen möchte. Dass es diesen Moment gibt, wenn auch nur einmalig, davon ist Pfarrer Dabrowski überzeugt, die Frage sei nur, wie man die Voraussetzungen schaffen könne, dass dieser Moment möglich werde. Die Scham über die eigene Schuld halte Jahre vor, und der Gefangene brauche Kontakt zu jemandem, der ihn dabei unterstütze, seine Seele aufzuschließen. Da er als Pfarrer der Schweigepflicht unterliege, könnten die Gefangenen ihm alles anvertrauen. Er sehe sich in erster Linie als Zuhörer und Wertevermittler für die Inhaftierten, als Begleiter in einer schwierigen Lebenssituation. Denn nach spätestens fünf Jahren gebe es bei den meisten Langstrafern niemanden mehr von draußen, der zu ihnen hält.
Jugendliche Täter gehen offener mit Schuld und der Einsicht in ihre Taten um, so die Erfahrung von Pfarrer Klöß aus der Jugendstrafanstalt Plötzensee. Anders als im Männerknast suchten Jugendliche das Gespräch, auch über den Glauben, und sie könnten schon eher einmal zulassen zu weinen. Andererseits herrschten unter Jugendlichen auch im Knast dieselben Strukturen und Gruppenbildungen wie draußen, da sei der King von der Straße auch drinnen ein Held. Da im Jugendstrafvollzug noch der Erziehungsgedanke vorherrsche und umgesetzt werde, stehe dort die Hilfe für die Jungen im Vordergrund, neue Beziehungen und ein anderes Leben aufzubauen. Wer auch immer zu ihm komme, so Pfarrer Klöß, er höre ihnen allen zu, denn: "Gott hasst die Sünde, aber er liebt die Sünder".

Die Freiheit des Menschen?

Das Strafrecht beruht auf der Willensfreiheit der Menschen, Schuld entsteht durch die Vorwerfbarkeit der Tat: dem Täter wird Handlungsfreiheit unterstellt. Aber eben diese unterstellte Willensfreiheit ist die Achillesferse des Strafrechts, so der Kriminologe und Jurist Dr. Prof. Heinz Cornel. Denn wie weit ist der Mensch wirklich frei in seinen Handlungen? Den Begriff der bedingten Freiheit brachte Dr. Jürgen von Stenglin in seinem Vortrag über die neurobiologischen Grundlagen des Denkens und Handelns ein. Nur wer reflektieren kann, wer seine Handlungen bewerten kann, wer seine Bedürfnisse und Wünsche kennt, wer Zwänge abschaffen kann, ist frei. Ein Täter hat somit die Bedingungen der Freiheit nicht erfüllt.

Wie wird Mann zum Täter?

„Es ist mir irgendwie passiert‘ ist eine häufige Aussage von Tätern, die eines Verbrechens überführt wurden. Aber es gibt Ursachen für Gewalt, Missbrauch, Machtausübung, denen man auf den Grund gehen muss, um zu verhindern, dass sich die Spirale der Gewalt weiterdreht. Das ist der Ansatz von Martin Dubberke, der im Zentrum für Gewaltprävention Männern dabei hilft, sich aus dem Rad der Gewalt zu befreien. Gewalt ist ein Symptom, das das Eigentliche verdeckt, sagt er. Und: Es sind die Glaubenssätze, mit denen die Männer zu kämpfen haben, vererbte Ansichten, die sich fest verankert haben. Männer scheinen viel unfreier als Frauen, sind abhängig von einem festgefahrenen, auf Überlegenheit und Dominanz ausgerichteten Männerbild. Sie fühlen sich Frauen oft unterlegen und denken, sie müssten Stärke demonstrieren. Liebesverlust ist für Männer oft lebensbedrohlich.
Früh haben Männer, die Gewalt ausüben, Gefühle der Ohnmacht verspürt und sich im Erwachsenenleben gesagt: Ich will nie mehr unterliegen. Deshalb meinen sie, sich über die Frau erheben zu müssen, üben Macht und Kontrolle über sie aus. Ein gewalttätiger Mann steht mit sich als Mann auf Kriegsfuss, sagt Martin Dubberke und erläutert: Damit im Zusammenhang stünden schwere persönliche Niederlagen der Männer, die aber nicht eingestanden, sondern durch Gewalt und Machtphantasien kompensiert würden. Bei jugendlichen Straftätern komme noch der wichtige Aspekt des Gruppeneinflusses hinzu. Der Gruppe werde oft eine übersteigerte Bedeutung beigemessen, denn sie werde als der Ort empfunden, um sich von den anderen abzugrenzen, und um seinen Platz als Mann zu finden. Männer müssten – und könnten – lernen, rechtzeitig die eigenen Signale wahrzunehmen und sich gewaltfrei auszudrücken. Sie müssen also lernen, sich zu spüren und auf sich zu hören. Der wichtigste Punkt für die Bewältigung eines Gewaltkonflikts ist das Begreifen der eigenen Gefühle und das Innehalten: zu sich selbst Stopp sagen zu können, eine Pause einzulegen. Eine Technik, die auch für alltägliche Konflikte hilfreich und anwendbar ist.

Kopf-Bilder und Tat-Sachen

Die meisten Experten, die sich mit Männern und Gewalt in der Praxis auseinandersetzen, gehen davon aus, dass die Gewalt in jedem Fall erlernt ist, eine Folge von vorangegangenen Erfahrungen, dass auch hier das Prinzip von Ursache und Wirkung greift. Nicht so Dr. Frank Urbaniok. Er stellte die provokante These in den Raum, dass es einen geringen Prozentsatz an Menschen gibt, die nicht therapierbar sind, deren Gewaltpotenzial nicht erworben wurde – durch welche Umstände auch immer – die quasi so auf die Welt gekommen sind. Aber auch Dr. Urbaniok beschäftigt sich als Chefarzt des Psychiatrisch-Psychologischen Dienstes im Justizvollzug des Kantons Zürich in erster Linie mit der Therapie von Tätern, nämlich von Sexualstraftätern. Sein Ansatz: die Risikominimierung, denn, so machte er klar, kein Gewaltverbrecher habe Null Prozent Rückfallrisiko, das sei ein weit verbreiteter Medienirrtum. Ein Täter werde nach dem Schuldprinzip verurteilt – die Schwere der Tat in der Vergangenheit bestimme die Sanktion – aber für ihn als Therapeut gehe es um das Prinzip der Vorbeugung: die Höhe des Risikos in der Zukunft bestimme die Art der Maßnahme im Vollzug. Denn Sexual- und Gewaltstraftäter seien keine Bestien in Menschengestalt, sondern Menschen, die nicht fähig seien, ihre Phantasien zu steuern, Menschen, die natürliche Hemmschwellen überschritten, die aus ihren Bildern im Kopf Tatsachen schafften.

Und die Filmemacher?

Etwas, wovon Autoren und Regisseure leben: Bilder im Kopf zur mitteilbaren Realität werden lassen. Was über diese drei Tage an Wissen, Informationen, Erkenntnissen und auch erschütternden Tatsachen den Teilnehmern vermittelt wurde, bot ausreichend Stoff für die Gespräche in der Pause und eine Podiumsdiskussion. Woher kommt dieses Männerbild, warum können Männer sich so schlecht davon lösen, was könnte die Gesellschaft dazu tun, das zu ändern? Und natürlich immer die Frage unter Drehbuchautoren und Regisseuren, also denjenigen, die mitverantwortlich sind für die Bilder, die die Menschen in ihr Wohnzimmer bekommen: Wie kann das eben Erfahrene in das Medium Film umgesetzt werden? Einige Referenten forderten direkt dazu auf, das Bild von Tätern in den Medien zu verändern. Sie forderten, dass auf die Verwirklichung abnormer Täterphantasien im Film ebenso verzichtet werden soll wie generell auf das Zeigen von Techniken der Gewaltausübung, um potenziellen Tätern keine sinnlich-faszinierenden Vorlagen für Straftaten zu liefern. Das führte natürlich zu Widerspruch und regte die Diskussion an, wie weit man überhaupt Brutalität zeigen sollte. Wie weit ist es beispielsweise legitim, einen halbdokumentarischen Film über einen Mord, der von Jugendlichen an einem Jugendlichen begangen wurde, zu drehen? Im Film „Der Kick“ von Andreas Veiel und Gesine Schmidt wird versucht, den Ereignissen in Potzlow auf den Grund zu gehen, als drei Jugendliche einen Freund eine Nacht lang quälten und schließlich töteten. Ihren Gewaltrausch beendeten sie mit dem sogenannten Bordsteinkick, eine Tötungsweise, die in dem Film „American History X“ vorgeführt wird. Wie weit beeinflussen solche Szenen oder z.B. die sogenannten Killerspiele die Denk- und Reaktionsweisen vor allem von Heranwachsenden?
Diskussionsstoff unter Filmschaffenden und Wissenschaftlern. Doch die Autoren wollten sich die Freiheit der Kunst nicht einschränken lassen. Die zwingende Notwendigkeit in der eigenen künstlerischen Arbeit ein differenzierteres Bild von Tat, Tätern und Opfern zu schaffen, gestanden die Künstler bereitwillig ein nach diesen ausführlichen Berichten, den tiefen Einblicken, die in diesen Tagen gewonnen wurden. Aber trotzdem, niemand wollte sich darauf einlassen, sich von außen in seiner Phantasie beschränken zu lassen. Auch wurde betont, die Einschränkungen der künstlerischen Arbeit durch Produktion, Redaktion und Gesellschaft seien schon groß genug. Fiktion, in der Form des normalen Sonntagstatorts, so die vorherrschende Meinung, könne jedenfalls nicht für Gewaltausbrüche welcher Art auch immer verantwortlich gemacht werden.

Die Narben der Gewalt

Dem setzte Lutz-Ulrich Besser, Traumatologe und Gründer des Zentrums für Psychotraumatologie und Traumatherapie Niedersachsen, die Realität der Opfer entgegen. Mit eindringlichen Bildern und Berichten aus den beiden Weltkriegen führte er in die dunkle, einsame Welt der traumatisierten Opfer. Zerstörte Leben, Verlust des Vertrauens in die Welt, das Gefühl der Sinnlosigkeit und Angst – schon die historischen Beispiele zeigten es, das sind die Folgen von extremer Gewalterfahrung. Eine legitime Strategie sei Verdrängung, zumindest, solange sie funktioniere. Eine mögliche Auswirkung der Verdrängung: wiederum Gewalt. Die Weitergabe von Gewalt sei ein unbewusster Bewältigungsversuch von Traumaerfahrungen. Um Vertrauen in die Welt zu bekommen, brauche der heranwachsende Mensch Bindungen und Beziehungen. Er erklärte: Das menschliche Gehirn entwickele sich aus den neuronalen Netzen. Die einzeln im Gehirn entstehenden Synapsen bekämen Impulse, um sich miteinander zu verknüpfen und so feste Bahnen zu bilden: erst einfache Wege, dann etwas breitere Straßen, bis sie mit der Zeit zu regelrechten Autobahnen würden, Erfahrungswege, die immer schwerer zu verändern seien. Dauerhafte Veränderung entstehe dann nicht durch Erkenntnis, sondern einzig durch gefühlsmäßige Anreize. Es seien bewegende Ereignisse und Erfahrungen, die einen so tief berührten, dass sie dadurch zur Veränderung drängten. Dieses anschauliche Bild für die Entwicklung des menschlichen Gehirns zeige, so der Wissenschaftler, wie viel Sorgfalt bei der Erziehung eines Menschen darauf gelegt werden müsse, welche Erfahrungen er als Heranwachsender machte, damit sich die Synapsen lebendig und sinnvoll verknüpfen könnten. Und wie schwierig es sei, die eingefahrenen Autobahnen zu verlassen, neue Wege zu beschreiten, wie schwierig also auch für traumatisierte Opfer, das Trauma der Gewalterfahrung jemals loszulassen.

Gibt es einen Weg zurück?

Aber bedeutet das nicht auch, dass für Erwachsene, auf deren Erfahrungs-Autobahnen so viel schmerzliches Erleben zementiert ist, also auch für inhaftierte Täter, Anreize emotionaler und geistiger Natur zwingend notwendig sind, um ihnen überhaupt die Chance zur Veränderung zu geben? Wie soll sich der Asphalt aufweichen, wenn es keine Anregung, keine emotionalen Erlebnisse, keine sinnlichen Erfahrungen gibt, die ermöglichen, dass sich im Gehirn neue Strukturen bilden, andere Handlungs- und Erfahrungswege und Straßen begangen werden können? Erfordern die Erkenntnisse s System besteht einfach schon zu lange, meinte Pfarrer Dabrowsky, und die Inhaftierten hätten keine Lobby. Aber, so Dabrowsky weiter: der Mensch könne immer beides sein: Täter und Opfer, der Grat sei verdammt schmal.

Ein Beitrag von Ingrid Kaech

 

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