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"Der digitale Film - Vom Drehbuch bis ins Kino"

"Der digitale Film"
Vortrag von Peter Ponnath bei den Münchner Medientagen 2008

Bericht 10

Ich wurde gebeten, im Auftrag von "Top-Talente" ein paar Worte zum Thema Digitalfilm zu sagen, obwohl ich ja gar kein Kino-Filmschaffender bin: Jedenfalls meistens nicht.
Ich komme eigentlich vom Fernsehen. Insofern bin ich vielleicht nicht der richtige Mann für diesen Vortrag, oder vielleicht doch? Die telefilm, meine Firma mit Sitz in Fürth und fünf fest angestellten Beschäftigten produziert nämlich heute nicht nur Filme - meist Dokus fürs TV und gelegentlich für`s Kino - in der Mehrzahl aber Werbe- und Imagefilme als Auftragsproduktionen. Und in diesem Bereich ist die digitale Filmaufnahme und Verarbeitung schon seit knapp 15 Jahren eingezogen. In Form von neuen Möglichkeiten der 

- Bildkorrektur
- Von Set enhancing und
- Digitaler Green- und Blue-Screen-Produktion
- sowie 3D-Animation in Verbindung mit Green-Screen

Dazu kommt jetzt die vermehrte Nutzung des Internets für die Produktion und die Übertragung von Filmbildern über das Internet. Alles möglich erst durch die digitale Bildverarbeitung, die das Tätigkeitsfeld Regie und Postproduktion immer stärker verändert.

Eine Entwicklung, die im Kino erst vor kurzen richtig eingesetzt hat, da es die Geräte nicht gab, die die hohen Datenraten schaffen, wie sie für High-Defintion und Auflösungen darüber hinaus (4 und 6 k) anfallen, für hochauflösende Bilder.

Die volldigitale Produktion -kann man sagen- mit den Möglichkeiten der umfassenden Bildmanipulation für bessere Ergebnisse ist heute Standard in allen modernen Postproduktions-Studios.

Aber lassen Sie mich kurz von anfang an erzählen, warum wir es in Fürth besonders eilig hatten, mit unserem Einstieg in die digitale Bildverarbeitung.

Als es mich 1978 von eine Münchner Produktionsfirma über den Umweg Regensburg nach Nürnberg zum Bayerischen Fernsehen verschlagen hatte, stieß ich jedesmal, wenn ich nach München kam, auf Mitleid meiner ehemaligen Kollegen: "Ja, kann man da leben? Und Filme machen - in Nürnberg? Geht sowas?" "Ja, das geht, sagte ich jedesmal- Wir haben da Strom, tagsüber gibt's draussen Licht - und Luft und Wasser haben wir auch.

Natürlich hatten die Kollegen recht: Denn die wesentliche Voraussetzung für`s Filmemachen fehlte: es gab kein Kopierwerk. Denn gedreht wurde alles auf 16mm Umkehrfilm. Deshalb mußte man mit News-Material täglich nach München fahren. In der Anfangszeit verdiente mein Auto mehr als ich mit der wirklichen Arbeit - durch das viele Kilometergeld. An manchen Tagen kamen über 700 Kilometer zusammen für einen kurzen 1.30er. Das ging so, bis 1980.

Dann -endlich- kam Video: Analog. Zuerst LOWBAND, dann HIGHBAND von Sony. Unhandliche schwere Kisten waren das -Kamera und Rekorder. Jetzt konnte ab Nürnberg in die Zentrale überspielt werden. Das Problem dabei war aber nur: Optisch war es ein Rückschritt: Die Qualität der Röhren-kamerabilder war schlecht und durch den Schnitt wurde die Qualität noch weiter abgesenkt.

Es wurde bei Video nämlich nicht mehr wirklich geschnitten, sondern Einstellung für Einstellung auf ein neues Band kopiert und so der neue Film aneinandergehängt. Bei etwa 15 - 20 % Qualitätsverlust. Wenn gekürzt werden mußte, mußte der ganze Film noch einmal auf ein frisches Band überspielt werden bis zur Änderungsstelle, dann neu geschnitten und der Rest ebenfalls von der Vorversion noch einmal aufgespielt werden.

Mitte der 80er dann fiel das Rundfunkgesetz und die Privatsender kamen- und ich riskierte es, auf eigenen Beinen zu stehen. Als ich 1988 die telefilm gründete, gab es noch immer analoges Video. Zwar wurden mit dem Betacam-System und Chipkameras die Bilder langsam besser - aber wenn durch viele Änderungen die Qualität des geschnittenen Materials zu schlecht wurde, kam es schon vor, dass der ganze Film in der Endversion noch einmal komplett nachgeschnitten werden mußte, wegen der Dropouts auf dem Band, die für schlimme Störungen im Bild sorgten, und um überhaupt eine Kopie mit besserer Bildqualität zu bekommen.

Dann aber, anfang der 90er, kam endlich das erste Digitalformat: Digitale Betacam, kurz DigiBeta. Und schon bald folgten die nicht-linearen Schnittsysteme, wie AVID, heute der Marktführer in der professionellen Postproduktion. Jetzt wurde nicht mehr Einstellung für Einstellung auf ein neues Band überspielt, sondern die Bilder wurden nun auf einer Festplatte abgelegt und über ein Oberflächen-Programm wurden die Zugriffe für das Abspielen festgelegt. Jetzt -endlich-konnte man ändern nach Herzenslust, ohne Qualität zu verlieren.

Der größte Vorteil von diesen Nichtlinearen Schnittsystemen aber war: man konnte nun mehrere Bildspuren übereinander legen und so mehrere Blder zu einem einzigen, neuen Bild kombinieren. Das schaffte ganz neue Möglichkeiten. Plötzlich war es möglich, Tricks zu machen und Bilder zu manipulieren, um besondere Effekte zu erzielen. So avancierte der Schneideraum schnell zur "Trickbude", wie es eine Kollegin -eine alte UFA-Cutterin- einmal sarkastisch ausdrückte. Aus dem Cutter wurde der Video-Editor, soll heissen: Seine Aufgaben wuchsen und den meisten machte es auch riesigen Spaß, Bilder zu manipulieren, um bessere Ergebnisse zu erzielen.

Ich will Ihnen mal ein paar Beispiele geben: das hier ist der Pellerhof , einst eine wichtige Sehenswürdigkeit in Nürnberg, heute aber zerstört. Er soll jetzt wieder aufgebaut werden. Was tun aber, wenn er nicht richtig im Licht steht, beispielsweise durch helle Sonnenstrahlen-Flecken, die keine Kamera richtig abbilden kann?

Nun, man macht einfach eine Doppelbelichtung, erst wird auf die Totale belichtet, dann auf den Sonnenfleck oben, danach werden diese zwei unterschiedlich belichteten Einstellungen während des Schnitts über zwei Bildspuren zu einem Bild zusammengebaut. Fertig ist die gut belichtete Totale. Das spart Zeit und Geld, denn man muß nicht mehr abwarten, bis die Sonne weiter gezogen ist oder gar aufwändig einleuchten.

Über Filter, die heute auch schon Standard in der Postproduktion sind, können dann noch verschiedene andere kleine Sachen aufgerufen werden, wie Nebel. Und das alles in Minutenschnelle. Gute Editoren machen da auch immer kreative Vorschläge.

Wenn dieser und die folgenden Filme sich nicht starten lassen, klicken Sie über der Grafik auf die rechte Maustaste und wählen "In Real-Player wiedergeben".

Auch das ist heute Standard: Der Himmel wird ausgewechselt. Man sieht das heute schon fast in jeder zweiten Doku: Rasende Wolken um verrinnende Zeit anzudeuten.

Die Vielspurtechnik erlaubt es auch unglaubliche Dinge mit Blue- oder Greenscreen anzustellen: Man stellt den Schauspieler vor eine grüne Wand, kann dann jeden beliebigen Hintergrund einstanzen: Theoretisch läßt sich so an Locations drehen, wo man sonst keinen Zugang hätte, wie in öffentlichen Gebäude, wenn man sich ein paar Fotos besorgt und hinten einspielt. Auch Schauspieler, die man nicht zuammenkriegen kann, können so kombiniert werden.


Inzwischen ist die Technik noch ein Stück weiter: Greenscreen in der 3D-Anwendungen: Man konstruiere ein virtuelles Studio in einem 3-D-Programm, beleuchte es freundlich und setze den vor Greenscreen gedrehten Moderator hinein. Lasse dann den Rechner rendern und schon hat man sehr viel Geld gespart für Dekobau und ähnliches. Wie realistisch das Ganze dann kommt, liegt ausschließlich am Gestalter und den verwendeten Texturen sowie der Rechenzeit. Übrigens kann man solche virtuellen Studios auch schon im Internet kaufen und zur eigenen Verwendung herunterladen.

Übrigens, auch im Spielfilm hat sich diese Technik längst durchgesetzt. Werden die Dekos vielfach nur mehr im Rechner erzeugt. Denken Sie einfach an Matrix oder die Sparta-Produktion 300. Allerdings weniger wegen der Kosten als vielmehr um die Atmosphäre und die Stimmung besser kontrollieren zu können.

Auch ist es heute Gang und Gäbe. Statisten zu vervielfältigen für wirkungsvollere Bilder. Nichts, was heute nicht möglich wäre. Und für viel weniger Geld, als von vor ein paar Jahren. Ein gutes 3D-Animationsprogramm mit professionellen Ansprüchen kostet heute weniger als 2000 €.

Auch das Internet rückt immer mehr in den Focus des Filmemachers. Dort gibt es heute bereits riesige Archive, in denen man hochauflösende Filmbilder einkaufen kann, ob Stadtbilder von New York, stimmungsvolle Landschaften, exotische Strände. Alles für nur wenig Geld. Das Gleiche gilt für Soundeffekte, Musik, ja die gesprochene Sprache.

So arbeiten wir seit Jahren mit Sprechern zusammen, die wir noch nie gesehen haben. Der Sprecher bleibt zu hause, kriegt seinen Text als Mail, dann ruft man ihn an und hört sich, während er die Sprachaufnahme macht, Ausdruck und Aussprache an, wenig später kommt die Aufnahme als Soundfile per Mail direkt ins Schnittsystem.

Auch mit ausländischen Kollegen arbeiten wir so zusammen, Native Speaker sind oft gefragt. So haben wir eine Partnerfirma in Florida: dreamtimeentertainment. Dort werden viele unserer englischen Sprachversionen gemacht, die Files zu uns zurückgesandt, angelegt, abgemischt, fertig.

Mit dem unkompromierten Format DIGIBETA machten wir schon Mitte der 90er erste Versuche im Kino. Mit regionalen Kinospots - beispielsweise für Brauereien oder Spielzeughersteller. Gedreht wurde in DIGIBETA, dann wurde auf AVID geschnitten und schließlich bei einem Kopierwerk ausbelichtet. Das senkte die Kosten für Lokale Kinowerbung kolossal.


Ermutigt von den relativ guten Bild-Ergebnissen, wagten wir uns dann 2001 an einen abendfüllenden Film. Eigentlich war es eine Wirtshausidee. Volker Heissmann und Martin Rassau, besser bekannt, als die "Witwen", waren im Jahr 2000 auf einer dreiwöchigen Schiffsreise gebucht. Drei Auftritte pro Woche hätten sie dort, erzählten sie, aber was macht man mit dem Rest der Zeit? Also beschlossen wir zu vorgerückter Stunde, einen abendfüllenden Sketchefilm on Board zu drehen. Das Aufnahmeteam bestand aus lediglich fünf Leuten.

Knapp 27.000 Mark für Honorare, Reise- und Materialkosten, wurden ausgegeben. Denn der Film sollte lediglich mit einem Beamer im Theater der beiden gezeigt werden. Der Erfolg war jedoch durchschlagend. Als ein Zeitungsbericht erschien, daß wir mit Heissmann und Rassau einen Film in fränkischer Mundart gedreht hatten, stand das Telefon nicht mehr still. Die Leute wollten schon Monate vor dem Start Karten an den Kinokassen haben. Da beschlossen wir, das Band mit einem speziellen Verfahren ausbelichten zu lassen und zehn Kopien zu ziehen.

Und das war gut so, denn "Sechs auf See" lief in allen nordbayerischen Kinos, in Nürnberg zehn, in Fürth sogar 26 Wochen. 77.000 Karten wurden in Franken verkauft. Inzwischen ist "Sechs auf See" Kult und läuft mit überdurchschnittlichen Quoten jedes Jahr immer im Fasching im Bayerischen Fernsehen. Die höchste Einschaltquote lag 2004 bei der Erstausstrahlung bei 33 Prozent. Und im diesem Jahr bei der 5ten Wiederholung noch immer bei 12 Prozent mit 550.000 Zuschauern bundesweit.

Electronic Cinema. Damals , 2000, gewiss noch eine Pioniertat, heute aber kein ungewöhnliches Procedere. Denn künftig werden mit hochauflösenden Video-Kameras, die immer besser werden, alle möglichen Filme in guter Qualität produziert werden, diese dann per Leitung ins Kino übertragen und dort von Festplatten abgespielt werden, über Beamer.


So wie das schon seit knapp acht Jahren schon die Fürther Wolf-Werbung macht, die über 60 Kinos in Deutschland mit Werbung bespielen. Das Übertragungs-Verfahren wurde vom Fraunhoferinstitut in Erlangen entwickelt, das auch an der neuen ARRI-Digitalkamera mitentwickelt hat.

Das neue Verfahren bringt viele Vorteile:
Früher war das so: da mußten die Filmvorführer zwischen jeder Vorstellung die Werberollen umschneiden. In der Nachmittagsvorstellung durfte keine Whisky- und Zigarettenwerbung gezeigt werden, in der Abendvorstellung mußten die Spots wieder drin sein.

Das alles entfällt heute. Über das Internet werden die Spots an die einzelnen Kinos und Kinosäle nachts auf die Server geladen und die Verkaufsabteilung schickt ständig aktualisierte Playlists hinterher. Kein Rollenschleppen und -umschneiden mehr. Für die Kinobesitzer ein Posten, um Kosten einzusparen. Und: Werbung kommt schneller und aktueller in die Kinos, beispielsweise wenn kurzlebige Sonderangebote verkauft werden sollen.

Bald werden auch die Verleiher von abendfüllenden Spielfilmen Ihre Filme per Datenleitung in die Kinos überspielen, denn über 5000 Säle weltweit sind heute schon mit Hochleistungsbeamern ausgerüstet.

Dann wird es auch keine Kratzkopien mehr geben und die Kinobetreiber werden flexibler reagieren können, beispielsweise wenn ein Film gut läuft und ein zweiter Saal bespielt werden soll. Dann wird einfach eine Leitung zusätzlich gesteckt.

Allerdings - es wird auch mehr Heimkino geben. Denn: Was hindert die Studios und Produzenten, parallel zu den Kinonetzwerken nicht auch die Signale zeitgleich in Downloadnetze für Privatleute zu stellen? Hier wird es sicher noch harte Auseinandersetzungen geben.

Schneller, besser, flexibler, preiswerter. Durchgängig digital bei hoher Bildqualität ohne Übertragungs- und Kopierverluste, da digital. Eine nie gesehene Bildqualität an Farbtiefe, Schärfe mit extrem ruhigem Bildstand bei noch größeren Leinwänden.

Bilder, die aufs kunstvollste manipuliert sind, um verblüffende Effekte zu erzielen, eventuell sogar dreidimensional.

Wird das Kino dadurch künftig unterhaltsamer? Werden wir dadurch bessere und attraktivere Filme bekommen? Ich meine ja! Allerdings hängt das natürlich von den Drehbüchern ab.

Und dafür wird ja auch bei uns immer mehr getan durch mehr Schreib-Schulen, Drehbuchwerkstätten und die Förderung von Talenten bis hin in der Einzelbetreuung, wie es etwa TOP-TALENTE, der Förderverein macht, für den ich heute dieses Impuls-Referat halten durfte.

Ich bedanke mich fürs Zuhören.

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